Sonntag, 26. September 2021, 18 Uhr, Herz Jesu Kirche

Ensemble des Kammermusikfestivals

Moritz Gnann, Dirigent

Nikolai Andrejewitsch Roslawez (1881 – 1944)

Kammersymphonie (1934/35)

Foto©Simon Pauly

Die knapp einstündige Kammersymphonie schuf Nikolai Roslawez in den Jahren 1934/35, sie gilt als sein bemerkenswertestes symphonisches Werk. Gleichwohl wurde sie erst 2005 veröffentlicht, denn dem kommunistischen Regime erschien sie mit ihrer Verwandtschaft zu Schönbergs Kammersymphonie Nr. 1 als dekandent – Roslawez teilte das Schicksal von Schostakovich, als Komponist im Kreuzfeuer der russischen politischen Presse zu stehen.

Komponiert für achtzehn Instrumente – neun Holzbläser, zwei Hörner, Trompete, Klavier, Streichquartett und ein Kontrabass – , verbindet sie russiche Volksweisen mit süffisanter Weltläufigkeit und symphonischem Jazz.

Die Musikwissenschaftlerin Dr. Marina Lobanova schreibt über die Kammersymphonie:

Als Gipfelpunkt des „akademischen Neuerertums“ Roslawez‘ kann seine „Symphonie de chambre“ (Kammersymphonie, 1934-1935) betrachtet werden. In den 1980ern wurde die Uraufführung der Kammersymphonie von den Organisatoren der Moskauer Musikfestivals geplant. Zugleich wurde die Herausgabe der Kammersymphonie vom Verlag „B. Schott‘s Söhne“ mit dem Verlag „Sovetskij kompozitor“, der Nichte des Komponisten und der Verfasserin als Herausgeberin vertraglich geregelt. Aufgrund dieser Verträge wurde schließlich die Kammersymphonie von Roslawez im Verlag Schott Musik International erstmals von der Verfasserin verlegt und 2006 von BBC Scottisch Symphony Orchestra eingespielt, geleitet von Ilan Volkov.

Die Kammersymphonie ist einer der Gipfelpunkte des Spätwerks von Roslawez. Frei von harmonischer Vereinfachung, demonstriert das Werk die Erfindungsgabe des Komponisten, das enorme Potential seines „neuen Systems der Tonorganisation“ sowie der „gemischten“ harmonischen Technik, die Roslawez so produktiv seit der 1920er Jahre verwendete: die originären Tonkomplexe sind mit den Elementen der erweiterten Tonalität im Geiste der postklassischen Traditionen bereichert.

Das Gewebe der Kammersymphonie ist sehr transparent, äußerst raffiniert und nach strengen kontrapunktischen Regeln entwickelt. Das individuelle Verständnis aller Einzelstimmen entspricht dem Ensemble-Solo-Konzept Roslawez‘. Das Werk gehört zweifelsohne zur Klassik Neuer Musik.

(Marina Lobanova, 2021)